Dekanat Kulmbach

Reformationspredigt 31.10.2011

Marion u. Tiki Küstenmacher in Kulmbach

Reformation im dritten Jahrtausend. Eine Dialogpredigt

Im weiten Horizont bleiben

MK Marion Küstenmacher

WTK Werner Tiki Küstenmacher

Zum Download dieser Predigt

MK: Liebe Gemeinde! "Im weiten Horizont bleiben", das ist ein schönes reformatorisches Motto, das uns Dekan Zinck da gegeben hat, und es ist optimistisch. Denn dass sich der Horizont weitet, dass wir uns Neuem öffnen - mal ehrlich: Das empfinden manche Menschen nicht gerade als typisches Merkmal der Kirche, weder der evangelischen noch der katholischen.

ref2 (48K)

Marion und Tiki Küstemnacher

Und doch: Dass sich der Horizont weitet, das ist die große innere Bewegung des Glaubens. Das kann man schön sehen im Verlauf der Bibel, im Übergang vom Alten zum Neuen Testament. Die Dynamik ist so: Gott wird größer, das Bild von ihm erweitert sich, der Glaubenshorizont dehnt sich aus. Anfangs erkennen das einige, manchmal sind das die Propheten, manchmal Könige, manchmal ganz einfache Leute. Wenn aber immer mehr Menschen diesen umfassenderen Glauben bejahen, wenn sie anfangen, den erweiterten Horizont als den ihren zu betrachten, dann erleben sie als Einzelne wie auch als Gemeinschaft so etwas wie ein Update ihres Glaubens. Über die damit verbundenen spirituellen Fortschritte von einer Bewusstseinsstufe zur nächsten haben wir ein Buch geschrieben. Heute möchten wir Ihnen zunächst ein bisschen erzählen, wie wir selbst solche Updates unseres Glaubens erlebt haben. Und vielleicht spiegeln sich für Sie darin auch Ihre eigene Erfahrungen wieder.

WTK: Ich erinnere mich noch, wie sich mein Bild von Gott immer wieder gewandelt hat. Mittlerweile weiß ich, dass das zum Teil ganz typische, altersbedingte Entwicklungsschritte waren. Und mehr noch: Zum Teil haben sich in meinem eigenen kleinen Glaubensleben auch die großen religiösen Entwicklungsfortschritte der Menschheitsgeschichte widergespiegelt.

Das erste Bild von Gott, an das ich mich erinnere, ist voller Zauber und Magie. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Kumpels an einem versteckten Ort einen kleinen heidnischen Altar hatte, auf dem wir tote Tiere geopfert haben (zum Glück keine selber getöteten, sondern nur solche, die wir schon tot gefunden hatten. Unser Gott war eine geheimnisvolle, magische Macht. Ich erinnere mich an die Wunder-Momente, wenn wir Kinder am Heiligen Abend aus der Dunkelheit in das Zimmer mit dem Christbaum und seinem zauberhaften Kerzenglanz gerufen wurden. Ich habe auch die Vorstellung geliebt, dass es Schutzengel gibt, die nachts auf mich aufpassen.

ref1 (51K)

Erwartungsvolle Gemeinde

MK: Ich habe Wunschzettel für das Christkind gemalt, auf den Balkon gelegt und mich gefreut, wenn am Morgen ein paar goldene Sternlein da lagen, zum Beweis, dass die Engelchen da waren und meine Post nun zum Christkind gebracht wurde. Ich habe Osterhasensuppe gekocht und in einen Untersetzer für Blumentöpfe gefüllt. Wenn der am nächsten Tag leer war, dann war klar, der Osterhase war dagewesen und hatte für mich hübsche Ostereier versteckt. Ich bin auch oft zum Grab meiner Großeltern gelaufen und habe mich mit ihnen unterhalten. Ich wusste, dass sie unter dem Blumendach ihre gemütliche Erdwohnung hatten und sich immer sehr freuten, wenn ich zu ihnen kam. Ich habe mit Blumen und Bäumen und Tieren geredet. Und ich habe, das ist vielleicht das größte Geständnis, auch unseren großen Nachbarshund mit den traurigen Augen, der die meiste Zeit an der Kette liegen musste, geküsst, in der tiefen Überzeugung, dass er eigentlich ein Prinz ist und darauf wartet, dass ich ihn erlöse. Danach kühlte sich mein Wunderglaube doch merklich ab.

WTK: Irgendwann haben wir beide nach und nach begriffen: Es gibt keinen Weihnachtsmann, keinen Osterhasen, keine Hexen und Feen, und das mit dem Christkind war auch anders, als man es uns bisher erzählt hatte. So eine Ahnung hat man meistens schon länger. Aber eines Tages wird es Gewissheit: Es gibt offenbar Gottesbilder für kleine Kinder und welche für die Großen. Man geht vom magischen Wunderglauben weiter zu einem rationaleren Glauben.

Jetzt wurde ich vertraut gemacht mit dem richtigen Gott, unserem christlichen Gott. Ich kam in eine Jugendgruppe im CVJM, und wir haben dort die ganzen Powertexte aus der Bibel gelesen. Jesus ist Sieger. Das hat sich gut angefühlt, auf der richtigen Seite zu sein. Ich erinnere mich, wie ich als Bub fasziniert war von Gideon, der mit einem absichtlich verkleinerten Heer gegen die übermächtigen Feinde gesiegt hat - weil Gott auf seiner Seite war. Nachts, mit in Tonkrügen verborgenen Fackeln, haben Gideons unerschrockene Krieger auf trickreiche Weise die Gegner überrumpelt.

ref3 (50K)

TonART-Vokalensemble u. Bläserchor

Es war außerdem ein nützliches, egozentrisches Gottesbild. Gott war für alles zuständig, was man alleine nicht durchsetzen konnte. Ich weiß noch, wie wir vor einem Fußballmatch gebetet haben: "Herr, lass unsere Mannschaft gewinnen." Doch genau bei dieser Bitte bekam ich auch Skrupel. Ein Gott, der nur für einen selbst da ist, nur für die eigenen Leute, nur für das eigene Volk, der ist doch eigentlich auch wieder klein und sogar ein bisschen schäbig, denn die Jungs von der anderen Mannschaft haben ja auch zu ihm gebetet.

Und wieder hat sich mein Gottesbild geweitet. Von einem Kämpfer an meiner Seite zum allmächtigen Herrscher der Welt, der alles geschaffen und weise geordnet hat, von Anbeginn an durch die Zeiten hindurch. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist etwas Großartiges, und ich stand ehrfürchtig staunend davor. Es war eine wunderbare Erfahrung von Ordnung und Gerechtigkeit, auch über den Tod hinaus. Ich musste Gott nicht mehr mit jedem kleinen Problem von mir belästigen. Er hatte mir seine ewigen Gesetze gegeben, damit ich wußte, was falsch ist und was richtig, was wahr ist und gut und schön.

Das war mein im besten Sinne "katholisches" Aha-Erlebnis. Katholisch, allumfassend, erhaben, und ich demütig, hatte darin meinen Platz. Aber ich musste auch vorsichtig sein. Dieser Gott, diese Kirche, da war viel Kraft und Macht, weit über mein kleines Leben hinaus. "Pass auf, was du sagst und denkst und glaubst! Gott sieht alles!" - diese unterschwellige Sorge, etwas falsch zu machen oder nicht in Ordnung zu sein, schwang immer mit. Und dann erlebte ich etwas, das ich nicht vergesse. Ein Jugendleiter, den ich für seinen starken Glauben immer sehr bewundert hatte, der sagte einmal fast nebenbei, dass er manchmal monatelang nicht betet, dass ihm Zweifel kommen, immer wieder. Ich weiß noch genau: Das hat mich nicht geschockt, sondern unendlich befreit. Ich darf zugeben, was in mir vorgeht! Ich darf hinschauen! Ich brauche mich nicht selbst und die anderen belügen. Ich darf zu meinem Verstand und zu der Wahrheit in meinem Inneren stehen. Das war meine Reformation. Imponiert hat mir auch, dass Martin Luther sein Mönchsgelübde gebrochen hat, ohne den ewigen Zorn Gottes dafür zu fürchten oder vor der mächtigen Kirche einzuknicken. Was ist das für ein Mut! Diese Kraft zur Selbstverantwortung stand an der Wiege unserer protestantischen Gemeinschaft und wir alle dürfen sie in Anspruch nehmen.

MK: Als ich in die erste Klasse kam, ging es mit Religionsunterricht los. Plötzlich wurde ich von meiner allerallerbesten Freundin Lotte getrennt. Da hieß es, sie müsse nun zu den Katholischen gehen und ich zu den Evangelischen. Wir haben uns an den Händen gehalten und gewehrt, aber das half natürlich nicht. Von da an wurde mir erst bewusst, dass es Konfessionen gibt, wichtige Unterschiede bei dem, was man glaubt. Das war schwer für mich, weil mein Papa katholisch und meine Mama evangelisch war und das zu Hause nie ein Problem war. Mein Vater sagte immer: "Hier herrscht Religionsfrieden, bei uns schlafen evangelisch und katholisch in einem Bett!" Erst mit 10, 12 etwa habe ich begriffen, wie großartig das von beiden war. Denn meine Mutter stammte aus einem der wenigen evangelischen Dörfer im Bistum Würzburg, das ganz früh lutherisch geworden war. Da hatte man als evangelischer Christ schon so ein Selbstbewusstsein des Widerstehenkönnens mit der Muttermilch eingesogen, Unser evangelisches Dorf war für mich ungefähr so wie bei Asterix und Obelix, wo es zu Anfang immer heißt: Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein!…

Im Prinzip fand ich es also schon mal viel besser, dass ich evangelisch war, man durfte irgendwie immer mehr als die katholischen Cousins und Cousinen. Aber mit 14 half das auch nicht mehr viel. Ich hatte nun schon so viel gelesen und konnte mir genug eigene Gedanken machen. Vor allem entdeckte ich meinen Widerspruchsgeist gegen alles, was mit Kirche zu tun hatte. Ich fand das alles viel zu bürgerlich und war enttäuscht, dass da immer von so tollen Erfahrungen der Jünger Jesu und der Urgemeinde die Rede war, die Gottesdienste aber alle so öde und langweilig. Nicht einmal beim Abendmahl am Konfirmationstag war irgendwas zu spüren, obwohl das vorher so gehypt wurde von den Erwachsenen. Am Abend meiner Konfirmation kamen mir riesige Zweifel und ich erklärte meinem Vater, dass ich aus der Kirche austreten wolle. Heute weiß ich, dass ich eigentlich Sehnsucht hatte nach eigenen, authentischen Gotteserfahrungen und Gott nicht nur vom Hörensagen her kennen wollte. Zweifeln gehört zum eigenen Erkennen dazu und hilft uns, der eigenen spirituellen Intuition zu folgen. Im Grunde ist der Zweifel ein Wachstumsmittel, das Gott in unser Herz senkt, damit wir ein zu klein geratenes Gottesbild aufgeben und zu neuen Bewusstseins-Horizonten aufbrechen können.

WTK: Aus meiner frommen Jugendgruppe sind viele tatsächlich abgesprungen und haben später Kirche und Glauben ganz aufgegeben. Sie haben Erfahrungen gemacht, die mit dem Bild vom großen, allmächtigen, alles richtig machenden Gott nicht zusammenpassen. "Wie kannst du, Gott, so etwas zulassen!" haben sie gerufen, als der eigene Bruder todkrank wurde und leiden musste, oder als sie anderswo das Elend in der Welt erlebt haben. Solche Fragen in die Kirche hineinzutragen, das wäre ihnen vollkommen deplatziert vorgekommen.

Das hartnäckige, kritisch-aufgeklärte Hinterfragen von scheinbaren Gewissheiten gehört aber mitten hinein in unseren evangelischen Glauben. "Darum ist es umsonst und unmöglich, jemand zu gebieten oder ihn zu zwingen, so oder so zu glauben", hat Martin Luther einmal geschrieben. Für manche bedeutet die Religionsfreiheit, die durch die Reformation erkämpft wurde, dass sie die Freiheit haben, nun gar nichts mehr zu glauben. Auch Atheismus ist eine echte Option auf dem Weg des Glaubens. Bei mir war es aber so, dass ich diese Freiheit des eigenen Denkens und der eigenen Verantwortung spürte und nun Freude dabei empfand, meinen Glauben eigenständig neu zu entdecken. Ich verdanke das dem Menschen Jesus. Wäre Gott nur dieser mythologische Gott auf dem Himmelsthron geblieben, hätte ich ihn auch losgelassen und für mich "beerdigt". So aber konnte ich ihn neu verstehen als eine Projektion von uns Menschen auf etwas da oben, die eben einer bestimmten Bewusstseinsstufe entspricht. Seit mir das klar geworden ist, bin ich sehr skeptisch, ja geradezu allergisch, wenn Menschen mir sagen, wie Gott ist, was er will und was er nicht will. Das sind so gut wie immer Aussagen dieser Menschen, trickreich verpackt in den Begriff "Gott".

Jesus aber, der Mensch, der eine einzigartige Verbindung hatte zu Gott, dieser Mensch ist mir immer näher gekommen. An ihn halte ich mich und lasse mir von ihm Mut machen, religiöse Autoritäten immer wieder zu hinterfragen. So wie er es getan hat, wenn er am Sabbat Menschen geheilt und damit die geltenden Gesetze hinterfragt und neu interpretiert hat.

MK: Mein bewusst gewählter und selbstverantworteter Glaubensweg ging dann mit 16 los. Er begann bei den ausgeflippten Jesuspeople und einer ökumenischen Basisgemeinde, die ich mit gegründet habe. Ich habe dann Theologie studiert und seitdem unzählige Bücher gelesen, eigene Glaubenserfahrungen gemacht und Menschen getroffen, die meinen geistlichen Horizont beträchtlich erweitert haben. Das waren Katholiken, Orthodoxe, Juden, Moslems, Hindus, Buddhisten, Atheisten und viele Mystiker, Philosophen und auch Poeten, die mir geholfen haben, meinen persönlichen Glauben zu vertiefen. Und noch immer spüre ich diese Anziehungskraft, die von Gott kommt und mich dazu bringt, dass ich Altes loslasse und auf Neues zuzugehen wage. Ich weiß, dass das nicht nur mir so geht, sondern vielen Menschen. Vor kurzem schrieb uns ein Leser nach der Lektüre unseres Buches Gott 9.0 eine nette Mail: "Haben Sie vielen Dank für Ihr Buch! Ich selbst bin ein katholischer Theologe, der mit der Institution "Kirche" seine Probleme hat. Wenn mich jemand nach meinem Bekenntnis fragt, dann sage ich mit Freude: ich bin "katholisch-reformiert" - und ich reformiere mich selber."

"Ich reformiere mich selber"! Oder, wie Martin Luther nicht müde wurde zu betonen: "Ich will das Meine tun!" Jeder Christ hat in unserer Kirche die Freiheit, zu sagen: Ich bin bereit, mich zu wandeln und von Gott wandeln zu lassen, und meine Erfahrungen damit in meine Kirche einzuspeisen. Genau das ist eine lutherische Tugend, wenn man von sich sagen kann: Ich kann mich kritisch prüfen und selbst fragen, wo denn die Reformation in mir und durch mich weitergehen kann.

Dieser katholische Kollege hat begriffen, dass unser Gott ein Gott des weiten Horizontes ist. Gott ist immer auch der ganz Andere, der Umfassendere, der "unbekannte Gott", wie Paulus sagt. Christsein heißt, das Vertrauen zu haben, auf diesen Gott zu zugehen. Und dazu dürfen, ja müssen wir immer wieder das uns Vertraute, das Erlernte, das Gewisse überschreiten und nach Gott und seiner Erfahrbarkeit im Neuen, Unbekannten, Umfassenderen Ausschau halten.

WTK: Wir wollen Ihnen nun sieben Gedanken nahe bringen, die wir als kleinen "Kulmbacher Thesenanschlag" bezeichnen möchten. Diese Thesen müssen gar nicht an die äußeren Türen der ehrwürdigen Kulmbacher Petrikirche geschlagen werden, sondern am besten gleich an die inneren Türen Ihres sehnsüchtigen Herzens und Ihres wachen Geistes.
Die Thesen finden sie hier

WTK: Zu unserem evangelischen Glauben gehört dieses Vertrauen auf diese alles erwärmende, alles durchströmende, alles verbindende Liebe Gottes. Diese Liebe spüren wir als unendlich zarte und zugleich hinreißende Überzeugungs- und Versöhnungsmacht Gottes. Wir folgen dieser Liebe wie Jesus und lernen dabei, dass wir so ins Geheimnis Gottes hinein gezogen werden und teilhaben an seinem universalen Beziehungsreichtum. nd wir spüren im Gebet, wie Jesus Christus unser Innerstes verwandelt und uns untrennbar mit Gott verbindet.

Wer reformatorisch lebt, der braucht sich nicht davor zu fürchten, dass unser Glaube sich ändern und etwas anderes werden kann, etwas, was man bisher noch gar nicht denken konnte. Hoffen wir doch mit Martin Luther, dass immer mehr Christen mit Herz und Verstand den Horizont ihres Bewusstseins erweitern. Dass sie im dritten Jahrtausend dazu beitragen, dass Gottes Liebe, die uns Jesus Christus nahe brachte, unter uns sichtbar wird.
AMEN

Hier können sie die Predigt im PDF-Format herunterladen:
Küstenmachers Reformationspredigt

gott90 (54K)

Für alle, die mehr zum Thema wissen wollen.

Gott 9.0

Wohin unsere Gesellschaft
spirituell wachsen wird Gütersloher Verlagshaus
ISBN: 978-3-579-06546-5

Kulmbacher Thesen

1. Unsere Reformation geht dann weiter, wenn wir begreifen, dass sich Religion ständig weiterentwickelt. Martin Luther erklärte in seiner ersten Wittenberger These von 1517, dass ein Leben als Christ nichts anderes sein kann als eine permanente geistig-geistliche Umkehr (metánoia; tut Buße! Transmentamini!). Christus ist der innere Meister dieses lebenslangen Wandlungsprozesses, der unsere Transformation oder spirituelle Evolution anstößt, wie Luther betont: "Geht von eurem bisherigen Sinn ab und nehmt eine andere Gestalt des Geistes an. Verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes!" Wir wissen heute, dass sich das religiöse Bewusstsein nicht nur in der Kindheit und Jugend entwickelt, sondern dass auch wir Erwachsenen mehrere gravierende Bewusstseinswechsel durchleben. Davon sind unsere Weltsicht, unser Glauben und unser Gottesbild betroffen. Auch hier wandeln wir uns.

2. Unsere Reformation geht dann weiter, wenn immer mehr von uns das eigene Herz dieser Weite und Größe öffnen, damit immer mehr Wirklichkeit und Welt darin Platz hat und immer mehr Liebe und Zuneigung fließen kann. Wir Protestanten schließen uns nicht in engen Glaubenskämmerlein ein, sondern wir protestieren gegen geschlossene Denkmilieus! Die Reformationskirchen haben sich an diesem Wachstumsprojekt des Geistes von Anfang an beteiligt: Dass sich unser menschliches Bewusstsein ausdehnt und wir immer mehr erkennen können. Unsere lutherische Theologie war lange Zeit die Theologie des Vorsprungs. Sie ist immer dann inspirierend, wenn sie Antriebskraft für geistige Evolution und gesellschaftlicher Entwicklung sein kann, und nicht als deren Bremsklotz missverstanden wird.

MK: 3. Unsere Reformation geht dann weiter, wenn wir unter Kirche nicht nur ein Traditionsgebäude verstehen, sondern ein spirituelles Entwicklungslabor des Geistes. Menschen, deren Glaube sich weiterentwickelt, dürften eigentlich erwarten, dass sie IN der Kirche Räume angeboten bekommen, in denen sie Platz haben zum Ausprobieren, zum Experimentieren, um sich mit ihren Zweifeln, Suchbewegungen und inneren Umbrüchen offen auseinandersetzen zu können. Sie werden aber nur bleiben, wenn sie nicht wieder nur die alten fertigen Antworten vorgesetzt bekommen, sondern ihre eigenen Fragen stellen können. Es gibt so viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen, die sich danach sehnen, dass kompetente geistliche Begleiter ihnen helfen, die Entwicklungsschritte in der eigenen spirituellen Biografie zu verstehen. Sie stellen unser größtes Potential dar und sollten sich durch die Kirche ein- und nicht ausgeladen fühlen.

WTK: 4. Unsere Reformation geht dann weiter, wenn sich unsere Kirche weiterhin dem "Risiko der Gegenwärtigkeit" stellt. Es ist gut lutherisch, nicht zu den ewig Gestrigen zu gehören, sondern hellwach an vorderster Front zu stehen, wo die globalen Fragen und Konflikte bedacht und gelöst werden müssen. Wir wissen nicht, wie die Zukunft unserer Kirche aussehen wird und ob es ihr gelingt, bei all diesen Umbrüchen und Wandlungsprozessen gerade für junge Menschen eine Ermutigerin und Wegbegleiterin zu sein. Wir wissen aber, dass die Zeiten vorbei sind, wo man sich als Kirchenmitglied in der festen Burg des eigenen Glaubens abschotten konnte. Wo man davon ausging, dass Kirche hauptsächlich aus Mauern gegen Veränderung zu bestehen habe. Wer wie die Reformatoren auf die Entwicklungsfähigkeit des religiösen Erkennens setzt, der wünscht sich, dass die Zugbrücke herunterlassen gelassen wird. Dass die Tore "hoch und weit" gemacht werden, damit wir entdecken können, wo wir gerade stehen, in was für Zeiten wir leben und wie wir sie besser begreifen können. Wir Protestanten wissen längst, dass wir dafür keine von der Amtskirche festgezurrte Theologie oder gesetzliche Glaubenspraxis brauchen. Das ist restaurativ und Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegen Gottes lebendigen Schöpfergeist, der unentwegt Neues schafft. Gut lutherisch ist es dagegen, sich gegen die restaurativen Strömungen zur Wehr zu setzen. Ganz gleich, ob wir sie in den eigenen Reihen oder bei Teilen unserer katholischen Geschwistern vorfinden.

MK: 5. Unsere Reformation geht dann weiter, wenn jeder von uns die Tugend der parrhesia pflegt, also der Freimütigkeit. In dieser Tugend sind Freiheit und Mut vereint! Da können wir uns alle selbst prüfen: Spreche ich das, was ich glaube und denke, auch öffentlich aus? Ich hatte ein sehr nettes Gespräch vor kurzem mit einer Frau aus einem Kirchenvorstand. Sie sprach davon, dass sie auch nicht mehr alles für wahr halte, was sie gelernt habe und was sie immer in den Kirchenlieder singen müsse. Aber dann fügte sie hinzu: "Das traue ich mich nicht, zu sagen, dass ich mit den alten Gottesbildern nichts mehr anfangen kann und so meine Zweifel hab, was soll denn der Pfarrer von mir denken?"

Das sind falsche Ängste, die außerdem dazu führen, dass man als Pfarrer seine Gemeinde eher unterschätzt! Warum sagen wir unseren PfarrerInnen und Geschwistern in den Gemeinden nicht, was wir wirklich denken in Glaubensdingen? Wo wir gerade stehen, womit wir uns gerade innerlich auseinandersetzen? Luther nannte den Glauben eine "lebendige, kühne Zuversicht". Haben wir die Kühnheit, wie Luther, unsere Zweifel und kritischen Anfragen an kirchlicher Verkündigung, an tradierten Formen und Aussagen auszusprechen? Oder halten wir lieber den Mund um des lieben Friedens willen, der dann doch eher ein bequemer Frieden ist? Der zur Denkfaulheit in religiösen Fragen anschwillt und somit letztendlich zur Banalisierung des Glaubens und Laschheit führt? Sprechen wir in Freimütigkeit davon, was uns wirklich bewegt!

WTK: 6. Unsere Reformation geht dann weiter, wenn jeder von uns sich darin übt, möglichst viele verschiedene Perspektiven einnehmen zu können. Das bedeutet auch, verschiedene Sichtweisen auf die Wirklichkeit aushalten zu können. Lassen Sie sich nicht einreden, das sei schlecht, das sei Pluralismus und Relativismus. Bei uns allen sollten die Alarmglocken immer dann läuten, wenn nur noch eine einzige Wahrheit behauptet wird, wenn die eigene Position für absolut erklärt wird, wenn geschlossene Weltbilder und Glaubensgebäude gewünscht werden. Unsere Heilige Schrift ist ein zutiefst pluralistisches Werk der Weisheit vieler gläubiger Menschen, deren Erfahrungen mit Gott hier neben einander stehen dürfen. Gerade das zwingt uns dazu, dass wir uns einüben in ein vielschichtiges Wahrnehmen. Das ist erwachsener Glaube, der sich dem Hauptcharakteristikum der Gegenwart stellt, nämlich ihrer Multidimensionalität und Vielschichtigkeit. Trauen wir doch Christus zu, dass er unser treuer Begleiter ist bei unserem Glauben als Abenteuer in einer unübersichtlichen Welt. Die Instabilität der Welt wird bleiben, aber wir erkennen trotzdem in ihr Gottes Gegenwart. Nicht als starres Prinzip, sondern als lebendige Wachstumslinie, als versöhnende Liebe und als begeisterndes Zuströmen von immer mehr Erkenntnis und Einsicht.

MK: 7. Unsere Reformation geht also dann weiter, wenn unser religiöses Bewusstsein eine gehörige Portion Neugier enthält in Bezug auf die gewaltigen Erkenntniszuwächse durch wissenschaftliche Forschung auf so unterschiedlichen Gebieten wie z. B. Quantenphysik, Astrophysik, Hirnforschung, Biochemie, Evolutionspsychologie, Integraler Philosophie und Bewusstseinsforschung oder vergleichender Religionswissenschaft. Ihre interdisziplinären Ergebnisse, zusammen getragen von Wissenschaftlern rund um den Globus, wälzen gerade unser Weltbild um. Wie einst bei der kopernikanischen Wende werden sich auch unsere Glaubensvorstellungen ändern: Gut lutherisch ist es, dann den Mut zu haben, alte Denkvorstellungen loszulassen und sich dem neuen Verstehen zu öffnen. Schon jetzt ist zu sehen, dass sich eine kosmozentrische Prozesstheologie herausheben wird. Gott thront nicht mehr über den Wolken, er ist kein weltfernes, alles kontrollierendes, unveränderliches absolutes Wesen mehr, sondern er ist in die Entfaltung und Entwicklung der Welt so "verwoben", dass wir sagen können: Gott und Mensch wohnen gegenseitig ineinander (Koinhärenz). Man kann sie, wie Luther sagt, unterscheiden, aber auf Grund der Liebe nicht mehr voneinander trennen. Dafür findet er ein schönes Bild: Es ist so wie bei den Zutaten in einem Kuchen, die sich beim Backen miteinander vereinen: "Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm, also, dass er und Gott ein Kuchen wird." Luther in einer Predigt von 1532) Und Gott, fügt er an anderer Stelle noch hinzu, ist wie "ein glühender Backofen voller Liebe".
Zum Ende der Predigt.